Safer Content
- Zum electronic publishing*

Autor: Rechtsanwalt Dr. Rutger von der Horst Köln, Münster, Los Angeles
* Interview September 1999 für die Zeitschrift screen business online (sbo)

sbo:
1. Welche Auswirkungen sehen Sie durch die veränderten Wertschöpfungsketten beim digitalen publishing?

Dr. von der Horst:

Immer mehr Inhalte werden von immer mehr Kreativen produziert, im Netz veröffentlicht und nicht mehr gefunden!

sbo:
2. Wo sehen Sie in puncto Urheberrecht derzeit die gravierendsten Probleme?

Dr. v der Horst:

Beim weltweiten Vertrieb von urheberrechtlich geschütztem Material (Text, Bild, Film, Ton, Musik etc.) erfolgt die Rechtevergabe auch heute noch überwiegend jeweils exklusiv für ein bestimmtes Gebiet. Daher ist auch die Einfuhr von im Ausland legal in Verkehr gebrachten Büchern, Tonträgern, Filmen, die nicht vom inländischen Lizenznehmer genehmigt sind, ein sogenannter Parallelimport. Dieser kann als Piraterieakt zivil- und strafrechtlich selbst dann verfolgt werden, wenn die Paralleleinfuhr durch den Lizenzgeber erfolgt.

Das öffentliche Zugänglichmachen oder die Versendung von urheberrechtlich geschützten Werken auf elektronischem Wege per Internet vom Ausland ist nur eine unkörperliche Variante des Vertriebs. Dadurch wird ebenfalls das exklusive inländische Verbreitungsrecht verletzt. Hier müssen insbesondere alte Lizenzverträge überarbeitet werden, damit der on- und offline Vertrieb von Werken sich rechtlich nicht gegenseitig blockiert. Für Streitfälle, in denen von den Parteien eine schnelle und diskrete außergerichtliche Schlichtung gewünscht wird, stehen bereits Schiedsrichter zur Verfügung, die neben der notwendigen Rechtskenntnis auch über die erforderliche medienspezifische Sachkenntnis und Erfahrung verfügen.

Daneben besteht das gravierendste Problem darin, dass fremde Urheberrechte schlicht nicht respektiert werden. So wird etwa auch im Bereich der share-ware (erst testen, dann kaufen) in immer weniger werdenden Fällen nach Ablauf der gratis erteilten Testzeit tatsächlich die geforderte Lizenzzahlung auch geleistet.

sbo:
3. Wenn Sie als Anbieter tätig sind in diesem Bereich: Was bieten Sie an und welche Technologie verwenden Sie?

Dr. v der Horst:

Als Rechtsanwalt in einer wirtschafts-/medienrechtlich ausgerichteten Kanzlei biete ich medienspezifische Rechtsinformationen und Rechtsberatung an. Zur weiteren Unterstützung wird z.Zt. am Aufbau einer Datenbank gearbeitet, auf die die einzelnen Anwälte unseres internationalen medien(rechtlichen) Anwaltsnetzes MAI- MedienAnwälte International und später evtl. auch Mandanten Zugriff erhalten.

sbo:
4. Wie wird Ihrer Meinung nach das digitale publishing der Zukunft aussehen?

Dr. v der Horst:

Allgemein wird es eine weiter fortschreitende Arbeitsteilung auf hohem Niveau geben. Inhalte werden formatunabhängig produziert.

sbo:
5. Wer wird die Inhalte bereitstellen?

Dr. v der Horst:

Die Arbeitsteilung wird insbesondere bei der Schaffung und Bereitstellung von Inhalten zunehmen. Hier werden Syndication-Modelle, d.h. die "Vermietung" oder der "Verkauf" von Inhalten" an mehrere gewerbliche Web-Site Betreiber zukünftig eine größere Rolle spielen. Wobei der Syndicator die von ihm gelieferten Inhalte entweder konfektioniert oder maßgeschneidert für das jeweilige Angebot des Abnehmers zur Verfügung stellen wird.

sbo:
6. Wer wird die Plattformen bieten?

Dr. v der Horst:

Die Betreiber der Plattformen werden nach wie vor diejenigen sein, die auch heute schon für die Plattformen der Distribution von Inhalten verantwortlich sind, also die Verlage und großen Medienhäuser. Der Grund dafür liegt in dem vorhandenen Know-how und vor allem in dem z.T. weltweit bestehendem Logistiksystem dieser Anbieter.

Daneben werden aber immer verstärkter kleinere Anbieter - z.B. Autoren, Musiker, sonstige Künstler - Plattformen schaffen. Ermöglicht wird dies durch die Kostensenkung hinsichtlich der erforderlichen Technik. Verantwortlich für diese Entwicklung ist aber in erster Linie wohl auch der Trend einer andauernd fortschreitenden "Atomisierung" von Zielgruppen. Um deren Wünsche zu erkennen, ist die Kenntnis der jeweiligen Nischenszene notwendig, so dass Insider hier große Chancen haben, zum Plattformanbieter und möglicherweise auch zum Marktführer zu werden.

sbo:
7. Wer sichert die Urheberrechte?

Dr. v der Horst:

Die Urheberrechte werden zunehmend durch technische Schutzvorkehrungen gesichert werden, die einen Zugriff auf die jeweiligen Werke nur bei entsprechender Erlaubnis des Rechteinhabers ermöglichen bzw. die Weitergabe, sprich das Kopieren des Werkes, ganz ausschließen oder nur bedingt zulassen.

sbo:
8. Wer wird die Abrechnung übernehmen?

Dr. v der Horst:

Mit fortschreitender Verbreitung und Akzeptierung des digitalen Geldes (z.B. micropayment, digicash, e-cash oder ähnliche in nächster Zukunft auftretender Anbieter) wird der Leistungsaustausch (Ware gegen Geld) in der virtuellen Welt sich zunehmend dem der realen Welt anpassen. Gesonderte Inkasso-Stellen werden selbstverständlich dann erforderlich sein, wo mehrere Lieferanten ihre Inhalte z.B. in einer shopping-mall oder in einem shop-in-shop-system anbieten, die Abrechnung des erstandenen Warenkorbs dann an einer einzigen Kasse erfolgt und anschließend eine interne Abrechnung vorgenommen wird.

sbo:
9. Wie werden Schnittstellen aussehen?

Dr. v der Horst:

Die Vermittlung von Inhalten wird zwar weiterhin von der Kreativität der Inhaltsdistribution, also des Heranführens des Inhalts an den Endverbraucher/-nutzer abhängen. Genauso wichtig, wenn nicht gar wichtiger wird es umgekehrt sein, den Endverbraucher/-nutzer an den Inhalt heranzuführen. Hier werden Info-broker, die über spezielle Kenntnisse der jeweiligen Zielgruppeninteressen verfügen, zunehmend eine Rolle spielen. Zum Einsatz kommen werden nicht nur, aber auch sogenannte Avatare, digitale Stellvertreter, die von der vertretenen realen Person oder dem Unternehmen entsprechend den jeweiligen Interessen programmiert werden.

sbo:
10. Welche Vision haben Sie von der content-distribution der Zukunft?
- Versuchen Sie eine Prognose, wo Sie in zwei, fünf und zehn Jahren stehen werden

Dr. v der Horst:

Der Vertrieb von Inhalten wird zukünftig zunehmend individualisierter werden, indem Umfang, Form und möglicherweise auch der Inhalt selbst speziell auf den einzelnen Nutzer zugeschnitten werden, also "jedem sein eigener Goethe". Da ich selbst Rechtsberatung anbiete, werde ich auch zukünftig wohl nicht jedem Einzelnen sein eigenes Urheberrechtsgesetz anbieten. Allerdings hoffe ich, dass dann die heute z.T. noch stark unterschiedlichen Gesetze, soweit erforderlich und notwendig, weltweit harmonisiert sind. Dies trifft insbesondere für das Urheber- und das sonstige Wirtschaftsrecht zu.

sbo:
11. Welche Forderungen an Politiker würden Sie formulieren?

Dr. v der Horst:

Internationale Harmonisierung aller online-relevanten Gesetze: Jetzt!

 

... und gerne beraten wir auch Sie

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