Das Ende der Dinosaurierer-Kanzleien, die virtuelle Kanzlei kommt
Die Alternative zur Fusion von Großkanzleien

Autor: Rechtsanwalt Dr. Rutger von der Horst Köln, Münster, Los Angeles

Inhalt

Verdammt zur Größe?
Neue Wege in der anwaltlichen Beratungspraxis gefordert
Kosteneinsparmodell virtuelle Kanzlei
Die Angst der Entscheidungsträger
Befreiung von "standesrechtlichen Fesseln"

Verdammt zur Größe?

Unter der Überschrift "Ende der Tradition" stellt Hans Otto Eglau in der Zeit Nr. 49 vom 28.11.1997 S. 28 die Behauptung auf, selbst Anwaltskanzleien sähen sich zur Größe verdammt.

Daß man hierzu auch eine andere Sichtweise einnehmen kann, zeigt ein Zitat von Esther Dyson, aus ihrem neusten Buch, Release 2.0 Die Internet-Gesellschaft, die unter dem Punkt Schrumpfende Firmengrößen schreibt: "All dies läuft auf eine Tendenz zu kleineren Firmengrößen hinaus - obwohl wir in den Medien fast ausschließlich von gigantischen Zusammenschlüssen und Konsolidierungsprozessen erfahren. Aber das hängt eben damit zusammen, daß sich die Medien auf die Großen konzentrieren. Kleine Firmen werden es leichter finden, ihre Kunden ohne massive Marketinganstrengungen zu erreichen, selbst wenn sie nicht expandieren; und sie werden in der Lage sein, sich auf ein oder zwei Dinge zu spezialisieren, anstatt mit dem ständigen Druck konfrontiert zu sein, zu wachsen, um Rationalisierungsgewinne zu erzielen. Diese Riesenkonzerne werden verschwinden, je stärker auch kleiner Firmen über das Internet Zugang zu den Ressourcen erhalten werden, die sie benötigen. Die Transaktionskosten für die Arbeits- oder Auftragsbeschaffung werden sinken - für Firmen wie für die Arbeitenden."

Neue Wege in der anwaltlichen Beratungspraxis gefordert

Das trifft natürlich auch für Anwaltskanzleien zu, speziell gilt dies für die juristische Beratungstätigkeit im Bereich der Neuen Medien. Insbesondere vor dem Hintergrund, daß die Informationsgesellschaft immer mehr Gestalt annimmt und die Globalisierung in allen Geschäftsbereichen voranschreitet, muß auch die anwaltliche Beratungspraxis diesen neuen Herausforderungen Rechnung tragen.

Gerade auch für die Rechtsberatung bietet das Internet hier völlig neue technische Möglichkeiten. Die richtige Lösung muß nicht mehr unbedingt die Gründung und der Zusammenschluß von Großkanzleien sein. Die Antwort kann vielmehr auch in der Gründung einer virtuellen Kanzlei liegen, d.h. kein Zusammenschluß zu einer einzigen Kanzlei, sondern die Verbindung eigenständiger und weiterhin auch selbständig entscheidender Kanzleien in Form einer sogenannten gefestigten Kooperation.

Die Technik hilft hier, die absolut irrige Vorstellung auszuräumen, daß der als Einzelanwalt tätige Jurist schwierige Fälle an eine Großkanzlei abgeben müßte, warum sollte er? Zum einen sind diese Aufträge oftmals finanziell lukrativ und zum anderen kann eine Kompetenzbündelung mit der Folge eines Komplettangebots anwaltlicher Beratung für Unternehmen jeglicher Größenordnung auch auf anderem Wege erreicht werden.

So schafft z.B. die Einrichtung eines gemeinsamen Informationspools in Form einer Datenbank, auf die jeder Kooperationspartner einer solchen virtuellen Kanzlei online Zugriff hat, schon eine hohe Potenzierung des für die Beratung verfügbaren Wissens. Durch die Errichtung eines Intranets kann ein vernetzter Verbund geschaffen werden, der sämtlichen Belangen des Datenschutzes und den Anforderungen der anwaltlichen Verschwiegenheitspflicht gerecht wird. Videokonferenzsysteme ermöglichen die zeitgleiche Bearbeitung von Verträgen und helfen den Mandanten, Zeit und Geld zu sparen. Weil Geschäftspartner mit unterschiedlichen Firmensitzen die jeweils nächstgelegene Partnerkanzlei aufsuchen und ihre Verhandlungen trotz räumlicher Trennung online durchführen, minimieren sich Reisekosten oder fallen erst gar nicht an. Dabei sind die heute bereits verfügbaren Systeme hinsichtlich ihrer Bildqualität soweit ausgereift, daß auch wichtige nonverbale Äußerungen wie Mimik und Gestik gut wahrnehmbar synchron zum Ton übertragen werden.

Kosteneinsparmodell virtuelle Kanzlei

Eine erfolgreich geführte Kanzlei muß ihren Sitz somit auch nicht mehr in eine der Metropolen haben mit einem Büro in repräsentativer Lage, dessen Kosten bis zu 75 % des Kanzleiumsatzes fressen. Wichtig ist, daß der Anwalt für den Mandanten erreichbar ist. Dank modernster Telekommunikationsmittel kann das heute rund um die Uhr nahezu immer technisch gewährleistet werden, egal wie groß die räumliche Distanz zwischen Mandant und Anwalt gerade sein mag.

Die Angst der Entscheidungsträger

Zwar wird es auch weiterhin große Unternehmen auf Seiten der Mandantschaft geben, in denen die Entscheidungsträger den klassischen Automatismus "großes Unternehmen - große Kanzlei" beibehalten. Kann doch dadurch auf einfache Weise ein Stück Eigenverantwortung abgegeben werden. Denn dahinter mag natürlich auch die Überlegung stecken, daß etwa ein für das Unternehmen ungünstiger Gerichtsentscheid oder Geschäftsabschluß für den verantwortlichen Entscheidungsträger, wenn er eine größenmäßig eher kleinere Kanzlei beauftragt hat, dies für ihn selbst möglicherweise auch einen Karriereknick nach sich ziehen kann, während im Falle der Beauftragung einer Großkanzlei dieses Risiko mit der fadenscheinigen Entschuldigung abgewendet werden kann: "Wenn die es schon nicht hinkriegt, dann konnte der Fall tatsächlich nicht gewonnen werden!" Da der Wettbewerb immer härter wird, werden sich aber auch Großunternehmen in Zukunft solche Überlegungen zunehmend nicht mehr leisten können.

Soweit Eglau also vom Ende einer Tradition spricht, betrifft das eher die Tradition, daß Entscheidungsträger großer Wirtschaftsunternehmen ihr Rechtsmandat automatisch immer nur Großkanzleien antragen, selbst wenn der dann tätige Anwalt zwar ausgewiesener Spezialist in einem Rechtsgebiet ist, hinsichtlich der konkret betroffenen Rechtsmaterie - namentlich im online-Bereich und den Neuen Medien - eben gerade keine speziellen Kenntnisse und Erfahrungen vorweisen kann.

Zudem produziert die Fusion vormaliger Konkurrenten zu einer neuen Großkanzlei aufgrund des anschließend nicht selten auftretenden internen Hierarchiegerangels häufig über lange Zeit starke Reibungsverluste. Die beabsichtigten Synergieeffekte verkehren sich so oftmals in ihr Gegenteil. Großkanzleien sind von daher allein wegen ihrer Größe strukturell eher anfällig für eine Unbeweglichkeit im Entscheidungsprozeß als ein aus kleineren Kanzleien vernetzter Verbund in Form einer virtuellen Kanzlei.

Auch tritt bei Großkanzleien tendenziell die Gefahr auf, daß sich eine Stromlinienförmigkeit im Denken einstellt. Schon aus Gründen des anwaltlichen Standesrechts stammt in der Regel die Mandantschaft hinsichtlich ihrer Rechtsinteressen überwiegend aus dem gleichen Lager. Da bleibt es kaum aus, daß dies auch trotz professioneller Distanz auf die anwaltliche Sichtweise abfärbt, was möglicherweise die Sicht für alternative - mitunter wirtschaftlich geeignetere - Lösungsansätze versperren kann.

Befreiung von "standesrechtlichen Fesseln"

Bei einer Kooperation in Form der virtuellen Kanzlei bestehen die geschilderten "standesrechtlichen Fesseln" nicht. Die Anwälte der einzelnen Kanzleien können sich schon allein wegen der unterschiedlichen Mandantschaft ihre eigene Sichtweise bewahren, stehen sie sich doch bei der Vertretung von Rechtsinteressen auch mal in gegnerischen Lagern gegenüber. Gerade diese Tatsache kommt der Mandantschaft der virtuellen Kanzlei zugute.

Die Bündelung von Kompetenz und der Austausch von Erfahrungswissen, das durch unterschiedliche Sichtweisen geprägt ist, ermöglicht eine Durchleuchtung des konkrete Rechtsproblems von allen Seiten. Dem Mandanten kann somit eine sehr viel differenziertere Beratung offeriert werden. Daß der Verbund von kleineren Kanzleieinheiten daneben ein flexibleres Reagieren ermöglicht, liegt auf der Hand.

Daher muß die anfangs zitierte Behauptung von Eglau richtigerweise lauten: Nur große Anwaltskanzleien sehen sich zur weiteren Größe verdammt; und was mit den Dinosauriern passiert ist, weiß man: Man kann sie jetzt im Museum als Ausstellungsstücke sehen und eignen sich heute allenfalls noch für einen Steven Spielberg Film.

 


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