Digitalisierung und der Wert der Arbeit in Kunst und Kultur
- Eine Erwiderung zur These der "Abschaffung der Arbeit in den Künsten"
Autor: Rechtsanwalt Dr. Rutger von der Horst Köln, Münster, Los Angeles

Inhalt

Ökonomie der Einschaltquote
Auch was man nicht anfassen kann, hat Wert
Einschaltquote allein kein Mehrwert
Erfolgreiche und Erfolglose
Neue "Wirklichkeiten"
CAD "kills" Kreativität: Nur die Maschine arbeitet?
Körperliche Arbeit versus Geistige Arbeit
Neue Technik schafft Umwälzungen
Bill Gates = Vernichter der herkömmlichen Arbeit?

 


Ökonomie der Einschaltquote

In seinem Beitrag "Ökonomie der Einschaltquote" (Süddeutsche Zeitung Nr. 81 vom 09.04.1997 S. 13) verkündet Beat Wyss die "Abschaffung der Arbeit in den Künsten". Seine Kernthesen lauten: Arbeit habe den Wert als sinnstiftender Teil des Lebens verloren. Die wertschöpfende Kraft von medialer Unterhaltung sei die Einschaltquote. Reichtum bemesse sich nach medialer Präsenz. Der Mehrwert, einst realisiert durch die Dynamik von Lohnarbeit und Kapital, werde direkt erzielt durch den Konsumenten von Radio, Plattenspieler und Fernseher.

Auch was man nicht anfassen kann, hat Wert

Das dies nicht wahr ist, zeigt allein ein Blick auf die Beschäftigten in der Tonträgerbranche. 1996 standen 13.200 Beschäftigte direkt bei Tonträgerherstellern in Lohn und Arbeit und noch Mal 23.000 im Groß- und Einzelhandel. Damit Umsätze in Höhe von fast 4,8 Milliarden DM (1996) erzielt werden können, müssen vorher auch gewaltige Mengen an Kapital erst einmal investiert werden. Zwar schafft der Endverbraucher durch den Kauf einer CD auch Mehrwert. Bei einem Endverbraucherpreis von ca. 35,-- DM beträgt dieser allerdings nur ca. 8,-- DM. Der weitaus größere Mehrwert wird zuvor in Form von Urheberlizenzen (Komponisten, Autoren, Verlage), Anteil der ausübenden Künstler, Kosten der Tonträgerherstellung, Verpackungsmaterial, Promotion, Marketing und Vertrieb geschaffen. Wenn dort dann keine Dynamik dahinter sitzt, dann kommt das beste Produkt oftmals gar nicht erst zum Konsumenten, sondern floppt schon vorher.

Bei Eintritt des Erfolges in Form von Goldenen oder Platin-Schallplatten und Echo-Preisverleihung ist von "einer Arbeitsverachtung, die der Haltung von Grundbesitzern in der antiken Sklavengesellschaft ähnelt" keine Spur zu merken, sondern nur der berechtigte Stolz auf die vollbrachte Arbeit und das ist dann sehr wohl sinnstiftend.

Einschaltquote allein kein Mehrwert

Ein Blick auf das Verhalten der Werbetreibenden zeigt, daß die Einschaltquote per se auch keine wertschöpfende Kraft ist. Zwar wird der Preis einer Werbespotschaltung im Rundfunk in TKP (Tausend-Kontakt-Preis) bemessen. Neben der bloßen Einschaltquote oder Reichweite ist jedoch für die Werbetreibenden hinsichtlich der Spotschaltung in erster Linie entscheidend, wieviele der erreichten Rezipienten auch der von ihnen adressierten Zielgruppe angehören. Mit immer größerem Aufwand wird daher versucht, die "soziologische Zusammensetzung der Einschaltquote" zu ermitteln. Auch im Internet wird davon abgegangen, den Werbewert einer Web-Site nur nach reinen "Hits", d.h. nach der Einschaltquote zu bewerten. Diese könnten nämlich lediglich vom automatischen "Abgrasen" der Suchmaschinen stammen. Das Ziel ist das gleiche: die Verbrauchergewohnheiten der Web-Besucher kennenzulernen, um so Werbe-Streuverluste zu vermeiden. Die Einschaltquote allein macht also noch nicht den Mehrwert.

Erfolgreiche und Erfolglose

Wyss verweist auf die Zeit der Renaissance und des Barocks in der Künstler, wenn sie erfolgreich waren, neben ihrem Werk auch ein paar Arbeitsplätze schufen. Rein kaufmännisch sei Kunst bis zum Auftreten "Hollywoods" jedoch ein Verlustgeschäft gewesen. Vielmehr habe "ideelle Verausgabung" geherrscht. Dabei übersieht er Künstler wie Albrecht Dürer, Tizian, Rembrandt oder Arnold Böcklin, die mit ihren eigenen Werkstätten nicht nur künstlerischen Einfluß hatten, sondern auch wirtschaftlich durchaus sehr erfolgreiche Unternehmer waren. Ob mit oder ohne Digitalisierung, es hat schon immer Erfolgreiche und Erfolglose gegeben.

Neue "Wirklichkeiten"

Weiter wird die These aufgestellt, daß die Digitalisierung der Kulturindustrie Bühnenarbeiter, Kulissenmaler und Tontechniker vor Ort zunehmend überflüssig mache. Bald würden wir Filme sehen, die weder Drehort noch Schauspieler haben, sondern den digitalen Traumgedanken eines Computers entspringen. Tatsächlich gibt es solche voll animierten Filme bereits - wie etwa die französische Produktion "Kapitän Nemo", einer adaptierten Fassung von Jules Vernes Roman Zwanzigtausend Meilen unter den Meeren - und special-effect Firmen gewinnen bei den heutigen Unterhaltungsfilmen eine immer größere Bedeutung. Dabei geht der Trend z.Zt. allerdings noch eher in die Richtung, reale und virtuelle Teile zu kombinieren und nicht das eine durch das andere zu ersetzen. Neue "Wirklichkeiten" können auch so erzeugt werden.

CAD "kills" Kreativität: Nur die Maschine arbeitet?

Daß der Kulissenmaler möglicherweise nicht zu Pinsel und Farben greift, sondern zu CAD-Programmen (Computer Aided Design), bedeutet allerdings keinen Wertverlust für die Arbeit als solches. Es ist nur eine andere Arbeit, die eine andere Ausbildung benötigt. Grundsätzlich muß auch diese Arbeit von demjenigen erlernt werden, der vorher "den Pinsel geschwungen" hat. Der Computer an sich hat keine "digitalen Traumgedanken". Die Maschine führt nur Rechenoperationen aus. Diese können zwar zu einem neuen, auf dem Zufallsprinzip beruhenden Ergebnis gelangen. Anzudeuten der Computer sei daran "schuld" bedeutet aber in "Sündenbock-Manie" zu verfallen und die Eigenverantwortung zu leugnen. Es ist nach wie vor der kreative Mensch, der "träumt und macht".

Auch beim Verfassen des oben genannten Beitrags stand wahrscheinlich ein Textverarbeitungsprogramm und möglicherweise sogar ein Spracherkennungsprogramm hilfreich zur Seite. Aber denken und formulieren mußte der Mensch Wyss selbst und nicht die Maschine. Wer jemals eine längere Zeit an einem Text gearbeitet hat, weiß, wieviele Kalorien das verbraucht und weiß den Wert dieser Arbeit zu schätzen.

Körperliche Arbeit versus Geistige Arbeit

Was die Bewertung der geleisteten Arbeit angeht, so ist der Wert der körperlichen Arbeit in der Regel immer niedriger angesetzt worden. - Das galt selbst im zwölf Jahre andauernden "Tausendjährigen Reich", als in Deutschland alle zu Arbeitern erklärt wurden, entweder als solche "der Faust" oder als solche "der Stirn". Letztere wurden auch damals regelmäßig besser entlohnt. - Körperlich arbeitende Fußball- und Tennisspielermillionäre sind da wohl auch nur eine zu vernachlässigende Ausnahmeerscheinung. Sie gehören möglicherweise zu dem selben Phänomen wie z.B. van Goghs Sonnenblumen, die bei Kunstauktionen einen Preis von 73 Mio. DM erzielen.

Neue Technik schafft Umwälzungen

Daß mit zunehmendem Einsatz der Digitalisierungstechnik Umwälzungen verbunden sind, ist auch kein neues Phänomen, sondern - wie schon bei Gerhart Hauptmanns "Die Weber" nachzulesen (das Aufkommen mechanische Webstühle) - eine Entwicklung, die bei jeder Einführung neuer Techniken zu beobachten ist. Gleichzeitig entstehen aber auch neue Berufe. So wie vormals der Setzer, der heute vom Desktop-Publisher ersetzt wird, vormals im Zuge der Erfindung des Buchdrucks Gutenbergs, die zahlreichen Kopisten in den Klöstern arbeitslos machte, entstehen auch heute neue Berufe. Ein Beispiel ist der Sound-Designer, der für den Film neue Geräusche kreiert, die erst durch die Digitalisierung möglich werden.

Bill Gates = Vernichter der herkömmlichen Arbeit?

Zuletzt muß Bill Gates wieder mal als Buhmann herhalten, indem ihm unterstellt wird, er gehöre nur deshalb zu den reichsten Männern der Welt, weil er herkömmliche Arbeit vernichtet habe. Dessen Reichtum beruht aber nicht auf der Vernichtung herkömmlicher Arbeit, sondern der Mann hatte einfach eine gute Idee, die er strategisch geschickt umgesetzt hat. Ob er weiter einer der reichsten Männer der Welt bleibt, wird davon abhängen, ob er auch zukünftig entweder selber gute (Vermarktungs-)Ideen hat oder sich gute Ideen anderer zunutze machen kann. In jedem Fall bedeutet dies hochwertige Arbeit!

Somit entpuppt sich der Wahrheitsgehalt der These von der "Abschaffung der Arbeit in den Künsten" als eher virtuell denn real.

 

 

 

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